Glossar

Pierre d’Avesn (1901–1990)

Pierre d’Avesn – französischer Glaskünstler des Art Déco

Pierre d’Avesn war ein bedeutender französischer Glaskünstler und Designer des 20. Jahrhunderts. Er wurde 1901 unter dem bürgerlichen Namen Pierre Girre geboren. In einigen Quellen findet sich auch die Schreibweise Pierre Gire. Unter seinem Künstlernamen Pierre d’Avesn entwarf er vor allem Vasen, Schalen, Leuchten und dekorative Glasobjekte.

Seine Arbeiten zeichnen sich durch elegante Formen, plastische Reliefs und eine hohe handwerkliche Qualität aus. Besonders bekannt wurde er für seine Entwürfe aus Pressglas, Opalglas und farbigem Glas. Heute gehören seine Werke zu den gesuchten französischen Glasobjekten des Art Déco.

Frühe Jahre bei René Lalique

Bereits im Alter von etwa 14 Jahren begann Pierre d’Avesn seine berufliche Laufbahn im Unternehmen von René Lalique. Dort lernte er den gestalterischen und technischen Umgang mit hochwertigem Kunstglas.

Rund zehn Jahre lang arbeitete er für Lalique. In dieser Zeit sammelte er wichtige Erfahrungen bei der Entwicklung von Modellen und Formen für die serienmäßige Herstellung von Glasobjekten. Mehrere bekannte Lalique-Entwürfe, darunter die Vasen „Serpents“ und „Tourbillons“, werden Pierre d’Avesn zugeschrieben.

Die Arbeit bei René Lalique prägte seinen späteren Stil. Dennoch entwickelte Pierre d’Avesn bald eine eigene Formensprache. Sie war kraftvoll, plastisch und zugleich von der klaren Eleganz des französischen Art Déco bestimmt.

Eigene Entwürfe und die Cristallerie de Saint-Rémy

Um 1926 verließ Pierre d’Avesn das Unternehmen Lalique und arbeitete fortan als selbstständiger Entwerfer. Seine Modelle ließ er unter anderem von der Cristallerie de Saint-Rémy herstellen.

In dieser Phase entstanden zahlreiche Vasen, Schalen und dekorative Objekte. Viele dieser Arbeiten tragen die Signatur „P. d’Avesn“. Heute erleichtert diese Signatur die Zuordnung seiner Werke. Allerdings wurden nicht sämtliche Entwürfe mit seinem Namen gekennzeichnet.

Pierre d’Avesn und Daum Frères

Um 1930 übernahm Pierre d’Avesn eine leitende künstlerische Aufgabe bei Daum Frères. Er arbeitete in der Glasmanufaktur von Croismare bei Lunéville. Dort war er an der Entwicklung einer neuen Produktion von hochwertigem Pressglas beteiligt.

Die Erzeugnisse dieser Manufaktur wurden unter verschiedenen Bezeichnungen angeboten. Dazu gehörten unter anderem „Lorrain“, „Val“ und „Verreries de Belle-Étoile“. Bedeutende Entwürfe durfte Pierre d’Avesn jedoch mit seinem eigenen Namen signieren.

Seine Arbeiten aus dieser Zeit verbinden geometrische Formen mit stark ausgeprägten Reliefs. Häufig zeigen sie stilisierte Blumen, Blätter, Vögel, Fische oder andere Tiere. Mattierte und klare Glasflächen erzeugen dabei ein lebendiges Spiel von Licht und Schatten.

Tätigkeit für Verlys

Nach seiner Zeit bei Daum wechselte Pierre d’Avesn zu Verlys, einer bedeutenden französischen Glasmanufaktur in Les Andelys. Etwa von 1937 bis 1940 leitete er dort den künstlerischen Bereich.

Verlys war besonders für dekoratives Pressglas und opalisierendes Glas bekannt. Pierre d’Avesn entwickelte für die Manufaktur zahlreiche elegante Modelle. Seine Entwürfe zeigen häufig Naturmotive, die stark vereinfacht und plastisch ausgearbeitet wurden.

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs endete diese Tätigkeit. Pierre d’Avesn arbeitete anschließend wieder selbstständig und ließ verschiedene Modelle in der Cristallerie de Choisy-le-Roi herstellen.

Spätere Arbeiten

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Pierre d’Avesn seine Arbeit als Glasdesigner fort. Später war er auch für die Glasmanufaktur Vannes-le-Châtel tätig. Dort entstanden sowohl neue Entwürfe als auch Arbeiten nach älteren Modellen.

Seine lange berufliche Laufbahn umfasste damit mehrere Jahrzehnte. Sie führte ihn zu einigen der wichtigsten Namen der französischen Glasherstellung: René Lalique, Daum Frères, Verlys, Choisy-le-Roi und Vannes-le-Châtel.

Pierre d’Avesn starb 1990.

Stil und typische Merkmale

Die Glasarbeiten von Pierre d’Avesn verbinden die Eleganz des Art Déco mit einer ausgeprägten plastischen Gestaltung. Typisch sind kräftige Reliefs, symmetrische Formen und dekorative Motive aus der Natur.

Zu seinen bevorzugten Motiven gehören:

  • stilisierte Blüten und Blätter
  • Vögel, Fische und Gazellen
  • geometrische Ornamente
  • weibliche Figuren
  • strukturierte und mattierte Oberflächen

Besonders reizvoll ist das Zusammenspiel von transparentem, satiniertem und opalisierendem Glas. Je nach Lichteinfall verändern sich die Wirkung und die räumliche Tiefe der Dekore.

Signaturen und Zuschreibungen

Authentische Arbeiten können mit „P. d’Avesn“, „d’Avesn“ oder „P. d’Avesn France“ signiert sein. Daneben existieren Entwürfe, die unter den Namen der ausführenden Glasmanufakturen verkauft wurden.

Deshalb ist eine fehlende Signatur nicht automatisch ein Beweis gegen eine Urheberschaft. Bei der Bestimmung sind auch Form, Glasqualität, Herstellungsart und Dekor wichtig. Ebenso sollten alte Verkaufskataloge und bekannte Modellnummern berücksichtigt werden.

Bedeutung für das französische Kunstglas

Pierre d’Avesn zählt neben René Lalique und Marius-Ernest Sabino zu den wichtigen Gestaltern des französischen Pressglases. Seine Entwürfe trugen wesentlich dazu bei, hochwertiges Kunstglas einem größeren Publikum zugänglich zu machen.

Seine Arbeiten verbinden künstlerischen Anspruch mit moderner Herstellung. Dadurch stehen sie beispielhaft für die französische Glaskunst der 1920er- und 1930er-Jahre.

Originale Glasobjekte von Pierre d’Avesn werden heute international gesammelt. Besonders gefragt sind seltene Vasen, opalisierende Schalen, Tierdarstellungen und gut erhaltene, signierte Arbeiten aus der Zeit des Art Déco.

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